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MENSCHEN AUS SALZBURG 2016

Der Bauer in der Stadt

​Über den Architekt Horst Lechner

 Menschen aus Salzburg | Autorenschaft beim Verlag und Bernhardt Flieher

Horst Lechner schneidet Zwiebel, die er vor dem Küchenfenster geerntet hat. Ein paar Meter unter ihm gehen in der Altstadtgasse ein paar Bekannte vorbei. Er öffnet die Schiebetüre. Er grüßt hinunter in die Gasse. Irgendwann sollen auch Hendln aus eigener Zucht ins Ofenrohr kommen, sagt er. Seine Frau Christine, auch Architektin schüttelt den Kopf. „Alles, aber sicher keine Hühner“. Und dann sagt Horst Lechner einen Satz, den er – mit einem entwaffnenden Lächeln – oft sagt:“ Das wird schon. Das muß man einfach probieren.“

 

Probieren. Schauen was passiert. Niemals ohne Plan, aber immer mit dem Spielraum für neue Perspektiven, mit einer Offenheit, die alles möglich macht. Und so auch mit dem Spielraum für das Scheitern. Aus Lechner, einem gebürtigen Kärntner, sprudeln die Ideen. Und mit freundlicher Hartknäckigkeit und einem bedingslosen Optimismus setzt er um, was andere sich nicht einmal in einem Entwurf auf Papier zu bringen trauen. Es wirkt, als existiere in seinen Gedanken keine Grenze. So einer wie er ist das beste Beispiel für einen Mitdenker. Lechner war ab den frühen 1990er Jahren eine stets querdenkende Kraft, einer der wenigen außergewöhnlich mutigen Denker in vielen Architekturgremien in Stadt und Land.Er besuchte die Fachschule für Tischlerei und Raumgestaltung in Villach, studierte in Linz Innenarchitektur und Umraumgestaltung und Architektur an der Universität für Angewandte Kunst Wien in der Meisterklasse von Hans Hollein. Dutzende Preise gab es für seine Projekte  im Lauf der Jahre. Im Zentrum , rund um das geplant und gebaut wurde, stand immer eine Idee: Das Leben in der Stadt, erst recht in jener, die er sich für sein Atelier und sein Leben ausgesucht hatte, neu und nachaltig zu gestalten. „Wir, die Bewohner unserer Stadt, müssen unser kulturelles Umfeld selbst schaffen. Wir brauchen Projektionsflächen , die permanente Veränderungen und die Bildung von Identität möglich machen. Ziel ist die Diskussion  umfassender Inhalte weit über die Ästhetik hinaus“, heißt es in einem Beitrag Lechners, einer Analyse zu dem Thema “Keinem seine Gestalt- Stadtentwicklung an der Grenze“.

Leben. Wohnen. Arbeiten. Alles unter einem Dach wie im Mittelalter.

So eine Modell hat Lechner mit seinem eigenem Haus umgesetzt, in einer seit Jahrhunderten gewachsenen Baustruktur. In den engen Gasse, wo die Lechners ihre Architektur ausdenken und leben, wurden einst Fahrräder repariert. Die Werkstatt, auf der das Wohn- und Atelierhaus entstand , war auch die Urzelle eines Autohauses. Altmodisch ist der Bau in der Priesterhausgasse in Salzburg aber nicht. Zeitgemäß sind Form und Material. Zukunftsträchtig ist der Inhalt. „Da hast ein offens Loch im Boden und denkst Dir:  Wird schon werden. Das war  eine echte Motivation. Jahrelang wurde an dem Projekt getüftelt. Das war das Schöne. Da konnte viel entgleiten, woraus sich wieder spannende  neue Aspekte und Notwendigekeiten ergaben. “Lechner beschreibt damit eine seiner wichtigsten Eigenschaften:  mutig Neues wagen, flexibel bleiben, ohne die Grundintention aufzugeben.

 

So wuchs der Neubau in der historischen Zone des Wohn- und Lebensmuseums Salzburg, ein Idealfall, wie Stadtplaner sagen, ein Neubau, der nichts mit Anpassungsarchitektur zu tun hat, die sonst so gern in solche Strukturen gepresst wird. Für Horst Lechner hat der Satz „Stadtluft macht frei“ nie seine Gültigkeit  erloren. Nur seine Bedeutung hat sich verschoben. “Grundsätzlich gibt es in der Stadt alle Möglichkeiten, unabhängig, also frei Damit er nicht untergeht, gelte es allerdings, die Beziehung zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum klar zu regeln. Das sei eine Aufgabe von Architektur. Sein eigenes Hauas folgt dieser regel. Seine Architektur schafft Beziehungen in alle Richtungen. Wie Lechner als Mensch selbst auch: Seine Architektur trennt nicht, sondern verbindet mit großen Glasschiebetüren innen und außen. “Wir wohnen in die Stadt hinaus, und damit holen wir sie auch zu uns herein.“

Unter anderem fordert Lechner „einen Dachgarten in jedem Haus in der Stadt“. Im eigenen Haus gibt es zwei gartenähnliche Bereiche:  eine Art Innenhof und eine Dachterrasse. Im Innenhof werden künftig Bäume stehen. In einem Wasserbecken sollen Speisefische  schwimmen. Nirgends werden die Grundgrenzen zu den Nachbarn ausgereizt. Bei aller Verdichtung des Stadtraumes bleibt Luft . Darum geht es immer: „Nichts lässt sich endgültig festlegen. Es muß Spielraum bleiben.“ Wer sich in solchen Zonen bewegt, stößt – auch beim Ansinnen, die Lebensqualität durch bauliche Maßnahmen zu verbessern – durchaus auf Probleme. Zäh und ausdauernd müsse man schon sein, um so was umzusetzen. So etwas  sei auch eine Art „Übungsgerät“, etwas, an dem man sich selbst „ ausprobiert und schaut, was sich machen läßt“.

Vor den Schiebetüren, die die Küche  zur Gasse hin aufgehen läßt,  sind Pflanzplätze für Gemüse vorgesehen. Im Frühjahr wachsen dort Tomaten.“Was wir produzieren, verbrauchen wir auch.“ Er wolle „erster Altstadtbauer“werden, sagte er, der Architekt , im Jahr 2010. Es war ihm nicht vergönnt, das städtische Bauernleben lange zu genießen. Horst Lechner starb im Dezember 2014 im Alter von 55 Jahren.

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