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SALZBURGER NACHRICHTEN 2018

Raus aus der Bett, zurück in die Stadt

Salzburger Nachrichten | Autorenschaft Bernhard Flieher

Wie lebt sich's gut an einem Fluss? Zwei junge Architekten rücken die Stadt naher an die Salzach. Dort war sie nämlich schon einmal.

Eingefressen in ihr Bett hat sich die Salzach. Und so hat sie sich zurückgezogen von den Menschen der Stadt. Und es wird eng für die Menschen, wenn sie sich zwischen Böschung und Radweg und Gehsteig und mehrspurigen Straßen und Hauswand dem Fluss nahem wollen. Planschen ausgeschlossen. Selbst die Füße zum Abkühlen bloß hängen zu lassen ist schwer möglich. ,.Der Fluss rinnt nur durch -als gehöre er gar nicht dazu", sagt Horst Lechner. Parkbänke mit den besten Blicken auf die Stadt sind an Sommertagen schnell besetzt. Die Böschungen hinunter zum Wasser sind steil und an den Stadträndern trennt Bewuchs nahe Bewohner vom Wasser.

Im Salzburger Stadtgebiet schlendert man nie am, sondern immer oberhalb des Wassers. Das war einmal anders. Und dort wollen Lukas Ployer und Horst Lechner wieder hin.

Die beiden wollen an die Salzach zurück - und zwar unmittelbar ans und, wo es sich machen lasst, auch ins Wasser. Und sie wollen die Stadt mitnehmen. Der 25-jahrige Ployer aus Eugendorf und der im Andräviertel aufgewachsene 26-jahrige Lechner schlossen ihr Architekturstudium an der Kunstuni in Linz mit einer Arbeit über den .,Flussraum Salzach" ab. Im Untertitel machen sie ihren Plan klar: „Transformation zur Lebensader" steht da. Für die Initiative Architektur machen sie im Salzburger Künstlerhaus ihre Beschäftigung mit der Salzach und dem Stadtraum in einer Ausstellung anschaulich.

Dass es erst eine Transformation braucht, damit die Salzach wieder Lebensader, also Fluss mitten im Leben werden kann, impliziert, dass sich Stadt und Salzach entfremdet und entfernt haben. Lechner und Ployer haben diesen Prozess als Grundlage für ihre Vision akribisch aufgearbeitet. In Mailand belegten sie an der Universität auch einen Kurs, in dem es speziell um die Verbauung und urbane Revitali­sierung von Flusslandschaften ging.

Im Lauf der gut eineinhalb Jahrhunderte seit ihr Regulierung hat sich die Salzach tatsachlich einge­graben, fortgegraben von der Stadt quasi. Sieben bis acht Meter tiefer als einst rinnt sie. Die Salzach verschwand, wenn schon nicht ganz aus dem Stadtbild, so doch aus dem Stadtleben. Aus natürlichen Erholungsgebieten wie Aulandschaften wurden künstlich angelegte Parks. .,Auf alten Bildern sieht man gut, wie der Fluss früher zum Leben in der Stadt gehörte", sagt Ployer. Einst war die Stadt geprägt vom Leben an und mit dem Fluss. Dorthin soll es zurückgehen. Oder umgekehrt betrachtet: Die Stadt soll wieder naher an den Fluss.

,.Dafür gab es ja schon Hunderte Projekte", sagt Lechner. Die aber hatten immer ein Problem gehabt. ,,Da wurde nur in kleinen Abschnit­ten gedacht. Nie wurde das Ganze gesehen. Es ging nur um kleinteilige Eingriffe." Und meistens wurde vor allem über den höchsten prob1ema­tischen Teil im von Touristen überschwemmten Altstadtbereich zwi­schen Nonntaler Brücke und Makartsteg diskutiert. Diese Diskussionen provozieren ,,dann freilich immer gleich höchste Emotionen" (Ployer).

In diese Falle tappen die beiden nicht. Der Raum ihrer Studie reicht vom Überfuhrsteg im Süden bis zur neuen Staustufe im Norden.

Der heikle Innenstadtteil -dort, wo an den Kaistraßen gestaut wird und verhältnismäßig viel Raum für den motorisierten Verkehr verbaut ist - mache aber nur etwa 20 Prozent des Flussraums aus, den die beiden betrachten. „Bei den restlichen 8- Prozent in der Peripherie ließe sich mit wenigen Interventionen und Neuerungen leicht etwas ändern, damit die Menschen – etwa Schülerinnen und Schüler naher Schulen – den Flussraum besser nutzen können“, sagt Lechner.

Seit Jahren beschäftigen sich die beiden mit dem Thema. Es ist auch eine Art Erbe von Lechners Vater. Der 2014 im Alter von 55 Jahren verstorbene Architekt Horst Lechner gehörte in Salzburg zu den wenigen seiner Zunft, die sich jenseits von Bautätigkeit um das städtebauliche Gemeinwohl, um das richtige (Zusammen-)Leben in der Stadt Gedanken machten. Der Fluss und seine Integration ins urbane Leben spielten dabei stets eine bedeutende Rolle. Es geht seinem Sohn Horst und Lukas Ployer nun auch nicht darum, ,,neue Stimmungen zu kreieren“. „Wir wollen bloß Qualitäten zurückhole, die an denselben Stellen schon einmal da waren", sagt Ployer.

Die beiden schrecken aber nicht davor zurück, in ihren Ideen den Autoverkehr zurückzudrängen, um Platz am Fluss zu schaffen. ,,Dafür reicht es allerdings nicht, nur am Fluss zu planen. Da muss großer gedacht werden", sagt Lechner. In ihrem Projekt schlagen sie zwar konkrete Maßnahmen vor, wissen aber: ,,Die Umsetzung dieser Ideen ist nicht leicht. Es gehe aber ohnehin vor allem darum, ,,ein Bewusstsein zu schaffen für dieses Thema, weil es dabei ganz allgemein auch um die Frage geht: Wie wollen wir in dieser Stadt leben?"

Vorrangig wäre eine Änderung des Flussprofils. ,,Abtreppen und abflachen statt abböschen" heißt der Vorschlag der jungen Utopisten. Die derzeitige Trapezform, die der Fluss gebildet hat, tauge nicht, um Menschen an den Fluss zu bringen. Durch flachere Uferzonen ließe sich das ändern und der Zugang direkt ans Wasser wäre möglich. Im Wasser zu intervenieren sei schwierig wegen der hohen Fließgeschwindigkeit und weil sich Regen und Schneeschmelze an der Salzach auch im Stadtgebiet recht un­mittelbar auswirken. Es werde in Hinblick etwa auf Hochwasser bei bisherigen Maßnahmen ,,aber immer nur auf den Fluss reagiert, anstatt mit ihm zu agieren".

Um dramatische Eingriffe geht es den jungen Architekten nicht. Stattdessen seien ,,Zurückhaltung und Respekt" ihre Treibkräfte. Ployer und Lechner behandeln - bei aller fachlichen Kompetenz zwischen Städtebau und Hochwasser - das Thema auf einer sinnlichen Ebene. Es gehe nicht darum, sich bei solchen Projekten als Architekt in das Stadtbild einzuschreiben, sagt Lechner. ,,Es ist doch sinnlos, etwas nur deshalb entstehen oder bauen zu lassen, damit dann wer kommt, um es abzufotografieren, weil es so architektonisch spektakulär aussieht", sagt Ployer. Von solchen Bauten, vor allem den histori­schen, habe die Stadt ohnehin ge­nug. Es geht auch nicht um touristi­sche Attraktionen, sondern ,.um die Menschen, die hier leben und etwas vom Fluss haben sollen".

Ausstellung: Flussraum Salzach, Initiative Architektur im Salzburger Künstlerhaus. Zu sehen bis zum 27.Mai.

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