Mittendrin und völlig autark:Baue(r)n in der Stadt / Stadtluft macht frei 

 

Salzburger Nachrichten / Autorenschaft beim Verlag und Bernhard Flieher 

 

Christine Lechner schneidet   Zwiebel. Ein paar Meter unter ihr gehen Bekannte vorbei. Sie öffnet eine riesige Schiebetür. Die Stadt tritt in den Wohnraum. Sie grüßt hinunter in die Gasse. Ein paar freundliche Worte, dann kocht sie weiter. Irgendwann sollen auch Hendl aus eigener  Zucht ins Ofenrohr kommen, sagt ihr Mann Horst. Christine Lechner schüttelt den Kopf. „Alles, aber sicher keine Hühner“, sagt sie. Allein der Gedanke an die Möglichkeit einer Hendlzucht an diesem Ort verblüfft. Mitten in der Salzburger Altstadt haben Horst und Christine Lechner  ihr Haus gebaut.  Leben. Wohnen. Arbeiten. Alles unter einem Dach. Das ist der Plan.   Ein mittelalterliches Modell haben die beiden Architekten umgesetzt –  in einer seit dem Mittelalter gewachsenen Baustruktur. Altmodisch  ist ihr Bau in der Priesterhausgasse in der rechten Altstadt aber nicht. Zeitgemäß sind Form und Material.    Zukunftsträchtig ist der Inhalt. In der engen Gasse, wo lechner&lechner ihre Architektur ausdenken und neuerdings auch  leben, wurden einst Fahrräder repariert. Die Werkstatt, auf der das Wohn- und Atelierhaus entstand, war auch Urzelle eines Autohauses. Weder denkmalgeschützt noch schützenswert, lautete die Einstufung der Bausubstanz. Das traf sich gut. Die Lechners besetzten die Nische vor 16 Jahren. Sie kauften das Grundstück samt Garage, richteten  dort – mit Blick auf die Straße und stets auch für Passanten geöffneten  Türen – ihr Atelier ein.  Gewohnt haben sie ein paar Meter weiter.  Die Nähe von Arbeitsplatz und Wohnen war vor allem wichtig, nachdem Christine Lechner  Mutter geworden war. „Durch die Nähe konnte ich weiterarbeiten und die Kinder betreuen“, sagt sie. Damit steht sie für einen Trend bei der Wiederbelebung urbaner Zentren. Vor allem Familien – meist gut ausgebildet, sehr in  der sogenannten Creative Industry tätig und ökologisch denkend – zieht es zurück in die Innenstädte.  Jahrelang haben die Lechners an ihrem Haus getüftelt. „Das war das Schöne. Da konnte viel entgleiten, woraus sich wieder spannende neue Aspekte und Notwendigkeiten ergaben“, sagt Horst Lechner. Vor vier Jahren lagen alle Genehmigungen vor. Ende 2008 begann der Bau. „Mitten hinein in die Wirtschaftskrise. Da hast ein offenes Loch im Boden und denkst dir: Wird schon werden. Das war eine echte Motivation“, sagt Lechner. Vorzüge der Stadt wurden mit lebensnotwendigen und vor allem ökologisch zukunftsträchtigen Ideen verbunden.  „Ein Idealfall“, sagt Gerhard Doblhammer über das Haus.  „Ein Neubau in der historischen  Zone, der nichts mit der üblichen  Anpassungsarchitektur zu tun hat, die   sonst in solchen Bereichen passiert.“  Gut 30 Jahre war Doblhammer im Magistrat der Stadt Salzburg mit Bauen, Planen und Raumplanung beschäftigt – und damit auch mit der Erfindung des Gestaltungsbeirats. Ein Vorbildmodell im Umgang mit Architektur und Stadtplanung war dessen Gründung. Nichts zu melden hat dieser Beirat   allerdings in der Altstadt. Dort herrscht eine eigene Kommission aus Lokalgrößen der Baubranche über jede Gestaltung.   „Die Fassaden  sind tatsächlich in Ordnung, und es gibt auch kein Haus mehr, das einsturzgefährdet ist“, sagt Doblhammer über Salzburg. Vor ein paar Jahrzehnten  war das anders. „Bautechnisch schaut alles gut aus. Städtebaulich und stadtplanerisch passiert aber nichts“, sagt Doblhammer.  Im Gesetz  zur Altstadterhaltung sind auch  Pflege und Aufwertung der Stadtstrukturen vorgesehen, die vor allem der in den Innenstadt  lebenden Bevölkerung dienen soll. In Städten, die in architektonischen Fragen  das Salzburger Modell als Vorbild sahen, wurde das wichtig genommen. In vielen Städten Deutschlands und der Schweiz wurde   auf die Stadtplanung, etwa die Gestaltung von Fußgängerzonen oder die Zähmung des Verkehrs in und durch das Zentrum, Einfluss genommen. Eine solche städtebauliche Aufwertung, wie es fachmännisch heißt, passierte  auch in einigen österreichische Städten – etwa in Graz. Es geht darum,  jahrhundertealtes Erbe nicht nur zu verwalten, sondern  den Umständen der Gegenwart lebensnah anzupassen. Einen Boom bei Stadtgründungen gab es in Mitteleuropa ab dem Hochmittelalter. Zwischen 1240 und 1300 wurden in Europa jährlich etwa 300 neue Städte gegründet. Stadtgründungen waren unter anderem wichtig für die Herrscher: Die Verteidigung der Untertanen wurde vereinfacht. Es konnten außerdem mehr Steuern eingehoben werden. Um Burgen und Klöster entstanden neben alten römischen oder  germanischen Gründungen weitere Städte. Neben Angehörigen des sogenannten dritten Stands, also freie Bürger und manchmal auch freie Bauern, fanden dort Leibeigene eine Zuflucht. Wenn sie lang genug  in der Stadt blieben, galten  sie rechtlich  als frei. Für Horst Lechner hat der aus dieser Zeit stammende Satz „Stadtluft macht frei“ immer noch Gültigkeit. Nur seine Bedeutung hat sich verschoben.   „Grundsätzlich gibt es in einer Stadt alle Möglichkeiten, unabhängig, also frei zu leben“, sagt er. Auf dem Land sei es ja gefährlich. „Da leben Wölfe und Räuber“, sagt er lächelnd. Eine Stadt hingegen nimmt im Idealfall „den Einzelnen in ihr Kollektiv auf“. Damit er nicht untergeht, gelte es allerdings, die Beziehung zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum klar zu regeln. Das sei eine Aufgabe von Architektur, sagt Lechner. Sein eigenes Haus folgt dieser Regel. Die luftige Architektur schafft Beziehungen in alle Richtungen. Sie trennt nicht, sondern vereint mit großen Glasschiebetüren  innen und außen.  „Wir wohnen in die Stadt hinaus, und damit holen wir sie auch zu uns herein.“   Unter anderem fordert  Lechner „einen Dachgarten in jedem Haus in der Stadt“. Im eigenen Haus gibt es zwei gartenähnliche Bereiche: eine Art Innenhof und eine Dachterrasse. Im Innenhof werden künftig Bäume stehen. In einem Wasserbecken sollen Speisefische schwimmen. Nirgends werden die Grundgrenzen zu den Nachbarn ausgereizt. Bei aller Verdichtung des Stadtraums bleibt Luft. Vom Dach aus  geht der Blick in die Ferne. Die Berge sind zu sehen und die Kirchen der Umgebung, obwohl die Dachterrasse nicht über die umliegenden Gebäude hinausragt, sondern sich einfügt. Bei der  Wahl  des Putzes für die Außenfassade wurde die historische Umgebung bedacht.  „Jede Architektur ist Ausdruck der Gestaltung des Raums und muss dem gerecht werden, was da ist“, sagt Horst Lechner. Mitten in der verbauten Altstadt wurde neuer Raum geschaffen, ohne dass neue Flächen angetastet werden mussten. Erfüllt wird, was  Forschungseinrichtungen, die sich mit Urbanität oder Stadtentwicklung beschäftigen, seit Langem fordern: eine Verdichtung  vorhandenen Raums in den Innenstädten. Wenn das politischer Wille wird,  sagen Experten, könnten  vorhandene Infrastrukturen wie der Nahverkehr, jede Art der Nahversorgung, aber auch Kanal- oder Stromnetze ideal ausgelastet werden. Das schafft Nachhaltigkeit ohne Verlust der Lebensqualität. Das Leben – gerade in historischen Innenstädten  – leidet aufgrund der Bausubstanz und Enge  unter erschwerten Bedingungen. Vorstädte und Stadtrand hingegen wurden als Rückzugsoasen entdeckt. Wohlstand des Bürgertums und zunehmende Mobilität beschleunigten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts diese Entwicklung. Die Einheit aus Hausbesitzern, die einst   in den Obergeschossen wohnten, und Geschäftsnutzern im Erdgeschoss  zerbrach. Geschäfte sperrten zu. Internationale Ketten zogen ein. Gleichzeitig erhöhte sozialer Wohnbau an den Stadträndern den Druck auf infrastrukturelle Maßnahmen.  Wer in einer Stadt lebt, bekommt es unter anderem mit starkem Pendelverkehr zu tun, der im Grunde nichts mit ihm zu tun hat, aber oftmals die Lebensqualität schmälert.  Viele Altstädte wurden in den vergangenen Jahrzehnten außerdem zu Magneten für den boomenden Tourismus. Gutes Geschäft bringen die, die schnell vorbeischauen und Äußerlichkeiten bewundern. Diese werden erhalten und beschützt. Wer in solchen Zonen wohnt, stößt beim Ansinnen, die  Lebensqualität durch bauliche Maßnahmen zu verbessern, auf Probleme. Zäh und ausdauernd müsse man schon sein, um so etwas umzusetzen, sagt Christine Lechner. So musste an die Stadt Miete für die Nutzung der Gasse bezahlt werden, weil dort  ein paar Monate  lang ein Baucontainer stand. Anders  hätte nichts geliefert und erst recht nicht in die Höhe gebaut werden können. „Aber dieses Projekt ist halt auch ein Übungsgerät“, sagt Christine Lechner. „Wir haben an uns ausprobiert, was sich machen lässt.“ Mit einem Bauherren, der einen Auftrag gibt, lasse sich das nicht machen. Diese Probe inkludierte die Idee, im eigenen Haus mitten in der Stadt  zu 100 Prozent  autonom  leben zu können. Die  lichte Stahlbetonkonstruktion kann im Endausbau autark betrieben werden.  Sonne und Wind spenden Energie. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite existiert schon ein Zapfhahn für Elektroautos, die Batterie wird  bei Überschuss an selbst erzeugtem Strom gespeist. Im Keller arbeitet eine Wasseraufbereitungsanlage. Vor den Schiebetüren, die die Küche zur Gasse aufgehen lässt, sind Pflanzplätze für Gemüse vorgesehen. Im Frühjahr wachsen dort Tomaten. „Was wir produzieren, verbrauchen wir auch“, sagt Christine Lechner. „Zum Beispiel Hendln“, sagt Horst Lechner, weil er der „erste Altstadtbauer“ werden will.

STADTLUFT MACHT FREI

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